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sks-essay

Zwischen Hafenkino und Horizontträumen – eine kleine SKS-Geschichte

 

Es beginnt, wie so vieles beginnt: mit einem Bild. Einem dieser Bilder, die nach Salz schmecken, obwohl man noch nie richtig draußen war. Die Sonne sinkt langsam ins Meer, ein Boot schaukelt sanft in einer stillen Bucht, irgendwo klirrt ein Glas. Der angehende SKS-Schüler sitzt derweil zu Hause, vielleicht mit einem Bier oder einem Kaffee, und denkt: Das kann ich auch. Und ehe er sich versieht, ist er angemeldet – der Sportküstenschifferschein ruft.
Was folgt, ist eine Reise. Allerdings weniger eine in türkisfarbenen Gewässern als vielmehr eine durch die Untiefen des eigenen Nichtwissens.
Der Schüler, frisch gebacken und voller maritimer Träume, betritt die Szene mit einer Mischung aus Abenteuerlust und naiver Zuversicht. Getragen wird er oft von Freunden – oder von der einen Person, die schon „mal gesegelt ist“ und mit leuchtenden Augen von Buchten, Sonnenuntergängen und diesem einen perfekten Schlag erzählt hat. Dass zwischen diesen Momenten eine Welt aus Winddrehern, Tonnen, Vorfahrtsregeln und latent panischer Funkdisziplin liegt, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
 

Dann kommt der erste Kontakt mit der Realität. Wind und Welle sind plötzlich keine romantischen Begriffe mehr, sondern physische Kräfte mit eigenem Willen. Der Hafen, zuvor Kulisse für Postkartenmotive, wird zur Arena. Enge Boxen, Seitenwind, rückwärts einparken – das alles wirkt weniger wie ein Segeltörn und mehr wie eine Prüfung in angewandter Nervenheilkunde.

Das Gefühl im Bauch? Irgendwo zwischen mulmig und „Warum tue ich mir das an?“.

 
Segel setzen? Klingt einfach. Ist es auch – theoretisch. Praktisch jedoch verwandelt sich das Cockpit schnell in ein kommunikatives Experimentierfeld: Kommandos werden gegeben, missverstanden, wiederholt, halb ausgeführt. Begriffe wie „Fock back“ oder „Aufschießer“ schweben durch die Luft, während im Kopf des Schülers eine Mischung aus Chaos und konzentrierter Überforderung herrscht.

Und dann – die Großschifffahrt. Diese majestätischen Kolosse, die laut Lehrbuch „klar ausweichen müssen“ oder „bevorrechtigt sind“, je nach Situation. In der Praxis aber wirken sie vor allem eines: groß. Und schnell. Und unbeeindruckt. Der Schüler blickt, rechnet, zweifelt – und hofft, dass irgendjemand an Bord wirklich weiß, was gerade passiert.

Parallel dazu wächst etwas anderes: ein leiser Respekt. Vor dem Meer, vor dem Boot – und vor der Verantwortung.

Denn irgendwo im Hinterkopf lauert sie bereits: die erste Charter. Schon gebucht, vielleicht. Noch nicht gefahren. Ein Termin in der Zukunft, der gleichzeitig Vorfreude und latente Panik auslöst. Was, wenn etwas schiefgeht? Was, wenn man sich überschätzt? Was, wenn aus dem Traum ein Desaster wird – für Boot, Crew oder das eigene Ego?

 

An dieser Stelle treten sie auf: die Ausbilderinnen und Ausbilder. Eine Spezies für sich.

Sie kommen mit einem klaren Ziel: aus diesen enthusiastischen, leicht überforderten Menschen in möglichst kurzer Zeit halbwegs kompetente Skipper zu formen. Und zwar in etwa einer Woche. Ein sportliches Unterfangen.

Dabei greifen sie tief in die didaktische Trickkiste. Kopfwissen wird vermittelt, wiederholt, abgefragt. Doch viel wichtiger: Es soll ein Gefühl entstehen. Eine Intuition. Ein Gespür dafür, wie sich ein Boot verhält, wie Wind wirkt, wie viel Strecke ein Schiff braucht, um zum Stillstand zu kommen. Dinge, die man nicht einfach auswendig lernen kann.

 

Manchmal gleicht das Ganze einer leicht verzweifelten Annäherung an diese Intuition. „Stell dir vor…“ ist ein oft gehörter Satz. Besonders bei Flaute, wenn die Prüfungsmanöver theoretisch durchgespielt werden müssen. Die berühmte „Choreografie“ rund um die Boje wird dann zur mentalen Gymnastikübung.

Gleichzeitig kämpfen die Ausbilder mit ganz eigenen Herausforderungen. Die Lernfähigkeit ihrer Schüler ist… sagen wir: unterschiedlich frisch. Kommandos müssen wiederholt, Zusammenhänge immer wieder neu erklärt werden. Und irgendwo zwischen all dem blitzt immer wieder die Erkenntnis auf: Das ist ganz schön viel.

Auch das Wetter mischt mit. Eine kräftige Bora etwa – beeindruckend, aber pädagogisch unerquicklich – kann den fein geplanten Ausbildungsablauf innerhalb weniger Stunden durcheinanderwirbeln. Zeit, ohnehin knapp bemessen, wird noch knapper.

Und dann ist da noch die menschliche Komponente. Die Überraschung in den Gesichtern der Schüler, wenn ihnen klar wird, was es wirklich bedeutet, Verantwortung für ein Schiff und eine Crew zu übernehmen. Die Mischung aus Ehrfurcht und Zweifel. Alte Schul- und Prüfungserinnerungen, lange verdrängt, melden sich plötzlich zurück.

Hier zeigt sich die eigentliche Kunst der Ausbilder: Psychologie. Gruppendynamik. Das Gespür dafür, wann jemand einen kleinen Schubs braucht – und wann eher ein beruhigendes Wort. Zwischen Hoffnung und Bangen navigieren sie ihre Crews durch diese intensive Woche.

Sie mahnen, sie ermutigen, sie erklären zum fünften Mal geduldig denselben Sachverhalt. Und zwischendurch sorgen sie dafür, dass nicht alles zu ernst wird. Ein lockerer Spruch, ein gemeinsames Lachen im Cockpit, ein Moment der Leichtigkeit – all das gehört genauso dazu wie das exakte Manöver an der Prüfungsboje.

Am Ende steht sie dann: die Prüfung. Kein Sonnenuntergang, keine stille Bucht. Sondern konzentrierte Abläufe, prüfende Blicke und das leise Zittern in den Händen, das man sich nicht anmerken lassen möchte.

Und egal, wie sie ausgeht – etwas hat sich verändert.

Der Schüler ist kein Anfänger mehr. Vielleicht noch kein souveräner Skipper, aber jemand, der weiß, dass Segeln mehr ist als schöne Bilder. Jemand, der Wind und Welle nicht mehr unterschätzt. Und der gelernt hat, dass zwischen Traum und Wirklichkeit ein spannender, manchmal chaotischer, aber immer lehrreicher Weg liegt.

Und wenn er dann eines Tages tatsächlich in dieser ruhigen Bucht liegt, das Glas in der Hand, die Sonne am Horizont – dann weiß er: Jetzt ist es wirklich verdient.

 

 

Hubert auf der La Bonita - nach einem SKS-Törn | 4.4.26

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