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hafenmanöver

Vorüberlegungen

Im Auto...
ist man festen Boden unter den Reifen gewöhnt. Wind und Strömung kann einem nicht wegblasen. Wenn es abschüssig ist, ziehen wir die Handbremse. Mit Gas geben, bremsen und lenken sind wir vertraut.

Ganz anders auf der Segelyacht...

Eine Handbremse gibt es leider nicht. Wind und Strömung vertreiben einem, wenn man nicht gerade im Hafen oder sicher vor Anker liegt.

 

Manövrier-Vergleich 14m-Yacht mit PKW

  • 14m-Segelyacht mit Saildrive und einem Ruderblatt - 13Tonnen schwer
  • PKW - 1Tonne schwer

Lenken geht anders!

Die Lenkung - in Form des Ruderblattes - ist hinten. Der Drehpunkt befindet sich etwa in der Mitte des Schiffes zwischen Bug und Heck auf Höhe des Kiels. Bei einer 14m-Yacht schwenkt bei engen Manövern das Schiff 7m vorne und 7m hinten aus.

Beschleunigen & Bremsen geht anders!

Die 13 Tonnen einer 14m-Yacht erinnern eher an einem beladenen Lastwagen als an ein PKW. Die trägen Beschleunigungs- und Bremsimpulse sind nie direkt. Die Schiffsschraube holt sich mit dem Gasgeben beim Pull nach vorne eine ordentliche Portion Wasser von vorne und schiebt es kräftig nach hinten - so nach und nach setzt sich das Schiff in Bewegung. Bei der Fahrtaufnahme achteraus, wirkt es sogar noch etwas träger.

Zusammenspiel: Maschine & Ruder geht anders!

vorwärts...
Wenn eine Fahrt vorwärts aufgenommen werden soll, spielt die Ruderlage (mitschiffs/steuerbord/backbord) eine erhebliche Rolle. Das Ruderblatt wird, durch das kräftig von vorne nach hinten geschobene Schraubenwasser, angeströmt.

Bei Ruder mittschiffs wird das Schraubenwasser ungehindert rechts und links vorbeiströmen ohne Ruder/Lenkwirkung.

Ein angestelltes Ruderblatt (stb oder bb) wird sofort einen deutlich spürbaren Drehimpuls auf das Schiff in der Längsrichtung verursachen. Das Heck wird zb. bei hart bb-Ruderlage sofort nach rechts, der Bug entsprechend nach links ausbrechen. Die "Ausbrechwirkung" ist besonders deutlich, wenn aus dem Stillstand heraus, die Schiffsschraube in Drehung versetzt wird. Je entschlossener der Pull, desto heftiger der seitliche Versatz.

achteraus aus dem Stand heraus...

Beim kräftigen kurzen (1sec.) Pull rückwärts wird das Ruderblatt nicht! angeströmt. Das 13-Tonnen-Schiff kommt vorerst noch nicht in Fahrt. (Man müsste ca. 5-10sec. bei 1800 Umdrehungen die Maschine laufen lassen, bis die Yacht in Bewegung kommt). Aber man wird dennoch, ein deutliches seitliches Ausbrechen des Hecks bemerken. Dies wird einzig durch den Radeffekt verursacht. Dieser wirkt besonders stark, wenn zuvor das Schiff still stand.

Der Radeffekt...

kommt deutlich beim Rückwärts Pull aus dem Stillstand, oder beim Aufstoppen einer Vorwärtsfahrt durch rückwärtslaufender Maschine zum Tragen. Bei Vorwärtsfahrt ist ansonsten der Radeffekt vernachlässigbar.
Die La Bonita hat in der Vorwärtsfahrt eine linksdrehende Schraube (1). Bei der Achterausfahrt dreht sie um Uhrzeigersinn.

 

 

Drehen auf dem Teller!

Was mit einem PKW undenkbar wäre, ist mit einem Boot möglich. Auf der La Bonita funktioniert Drehen auf dem Teller gegen den Uhrzeigersinn.

Hier geschieht ein Zusammenspiel zwischen kräftigen, kurzen (1sec.) Vorwärtspull auf das angestellte, hart Backbord gelegte Ruderblatt. Das Schraubenwasser "reflektiert" an dem angestellten Ruderblatt und wird am Heck nach bb umgelenkt. Das Heck des Schiffes wird durch den Rückstoß nach stb versetzt (wie bei einem Heckstrahlruder).
Schalten in Lehrlauf, etwas warten, dann rückwärts einkuppeln, einen kräftigen kurzen (1sec.) Pull vollführen. Der gewünschte Radeffekt stellt sich ein, das Heck wird nach stb und der Bug nach bb "geschuppst". Die Schiffsdrehung wird auf diesem Weg weiter gegen den Uhrzeigersinn vorangetrieben. Das Ruder bleibt wärend der gesamten Drehung immer hart bb gelegt. Diese Vorgänge solange wiederholen, bis das Schiff gedreht ist.

Manövrieren auf engem Raum - mit Unterstützung!

Jetzt wissen wir also, wie aus dem Stillstand heraus das Heck in die eine, oder andere Richtung versetzt werden kann. Der Bug geht dabei natürlich in die Gegenrichtung (Drehpunkt in etwa wo sich der Kiel befindet).

Bei einer 14m-Yacht kommt zusätzlich noch ein sog. Buggstrahlruder zum Tragen. Das 4,4KW starke Burgstrahlruder der La Bonita zieht bis zu 580A und wird über eine eigens dafür vorhagehaltene Hochstrom-Lithuimbatterie versorgt). Das Bugstrahlruder hat einen Thermoschutz, das sich nach ca. 3Min. ununterbrochener Betriebsdauer eine Auszeit nimmt. Im Wasser hängende (Hole)Leinen können ggf. in die Buggstrahlschrauben geraten und einen entsprechenden krassen Schaden verursachen. Selbst von einem kräftigen Bugstrahlruder darf man sich ein Manövrier-Wunder erwarten. Er dient immer nur zur Unterstützung. Den größten Nutzen eines Bugstrahlruders hat man bei langsamer Achterausfahrt, um feine korrigierende Lenkungbewegung (bei Ruderlage mittschiffs) zu bewirken.

Manövrierraum nutzen!

Muss in engen (Hafen)Situationen manövriert werden, sollte man den wenigen Raum möglichst voll nutzen. Das bedeutet, dass man relativ nah an andere Schiffe, Moorings, einer möglichen baulichen Begrenzung ran fahren muß.

Allerdings sollte man sich immer im klaren sein, über die Möglichkeiten und Grenzen von:

  • Ruderlage und Ruderwirkung
  • Maschineneinsatz & Drehzahl
  • Beschleunigungs- und Aufstoppverhalten
  • Verhalten bei angeströmten und nicht angeströmten Ruderblatt
  • Radeffekt / Drehrichtung der Schiffsschraube
  • Bugstrahlruder
  • Windeinfluss und ggf. Strömung auf die Yacht bei Fahrt und ohne Fahrt 

Leinenarbeit!

Vor- und Achterleine, Vor und Achterspring, Mittelleine & Mittelspring, Moorings, diverse Hilfsleinen, Fest oder auf Slip gelegt, ohne oder mit helfender Hand an Land,  große oder kleine Crew oder sogar Einhand.

Die vorgenannten Leinen-Features sind immer in Kombination zu sehen mit: Maschinenwirkung mit unterschiedlicher Drehzahl, Die Schaltrichtung vorwärts/rückwärts, Ruderlage und der Wirkung und ggf. den Einsatz eines Bugstrahlruder.

Damit leider nicht genug, den folgender Einfluß ist zu beachten:

Wind & Strömung!

Je geringer die Fahrt, desto größer ist die Wirkung von Wind und Strömung. Die Wirkung von Wind und Strömung muss stehts vorweg genommen werden und stehts in den Überlegungen zum Manövrieren auf engen Raum / Hafen mit einbezogen werden. Die zur Verfügung stehende Wassertiefe schränkt den Manövrierraum u.U. weiter ein.

 

Tipps für Hafenmanöver:

  • Unterschiede: Längsseits, Heck oder Bug an die Pier mit Moorings oder mit Poller
  • einen klaren Plan machen
  • Crew einweisen mit eindeutigen Kommandos
  • Den Wind (Richtung und Stärke) beachten
  • Sich bewußt sein, dass Windrichtung und Stärke durch Verwirbelungen (insbes. in Häfen) sich ständig ändern können
  • Unvorhergesehenes möglichst vorweg nehmen
  • Ausguck gehen (lassen)
  • Alle Möglichkeiten einer sinnvollen Leinenarbeit einbeziehen
  • Die Crewmitglieder, welche die Leinen bedienen, im Auge behalten
  • Kontrollieren, dass Leinen vernünftig vorbereitet sind (nicht über die Reling, keine Knoten oder Vertörnungen in den Leinen)
  • Bei langsamer Fahrt in engem Manövrierraum, die Manöver immer so gestalten, dass der Wind von hinten kommt. Auf diese Weise kann man mit geringen und wenig Manövriereinsätzen lange in einer Warteposition bleiben. (Warten an der Tankstelle, Warten in einer engen Gasse, wenn ein anderes Schiff noch im Weg ist, etwas Unvorhergesehenes eintritt (Optifahrer, Ruderer, Gegenstand fällt ins Wasser, etc.)
  • Ein- und Ausfahren aus einer engen Box oder um Poller immer die Fender innenbords (auf Kick) bringen und dafür ein bis zwei "fliegende" Fender von Crewmitgliedern bedienen lassen.
  • Sich vertraut machen wenn man ein Schiff noch nicht kennt

Allgemeine Tipps:

  • Ein intensives Hafentraining mitmachen
    zum Beispiel auf der La Bonita :-) 
  • Simulator
    Hafenmanöver 2.0 mit Simulator von www.blue-2.at - sehr zu empfehlen!
  • Literatur
    "Hafenmanöver" von Bobby Schenk | Hafenmanöver - Schritt für Schritt von Lars Bolle/Klaus Andrews - beide sehr zu empfehlen!
  • Filme
    "Hafenmanöver" von Videosail ( Bezugsquelle  teilw. vergriffen)
  • Youtube
    unzählige Videoclips

Zusammenfassung

was habe ich alles zur Verfügung?

Maschine (v/r) | Drehzahl | Ruderlage | Radeffekt | Leinen | Fender | Bugstrahlruder | Fahrt/keine Fahrt im Schiff

 

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(1)

Man kann sich als Eselsbrücke die Schiffsschraube auf den Grund liegen vorstellen. Beim Pull rückwärts läuft die Schiffsschraube im Uhrzeigersinn und  würde das Heck nach rechts befördern. Das Heck bricht somit beim Pull rückwärts nach steuerbord aus. Damit ist auf der La Bonita die Steuerbordseite auch die "Schockoladenseite" das man sich beim längseits Anlegen zu nutze macht. Wenn man mit der Steuerbordseite im spitzen Winkel längsseits auf die Pier zufährt, wird beim Aufstoppen ein gewünschter Drehimpuls mit dem Heck hin zur Pier erzeugt, um das Schiff gerade zur Pier auszurichten. Das längsseits Anlegen ist in der letzen Phase somit eine Mischung aus aktives Steuern mit Ruderwirkung und Aufstoppen.

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